
"Und was hat die Yogaausbildung so mit dir gemacht?" "Heieieiei"
- Anna-Marielle Krivec

- 24. Dez. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Zu Anfang der Yoga-Ausbildung habe ich mich gefühlt, als würde ich endlich nach Hause kommen. Alles, was ich mir über so viele Jahre über Selbsterfahrung eigens hergeleitet hatte, fand ich in der Yoga-Philosophie wieder und all diese verrückten Wahrnehmungen, die ich schon von klein auf hatte und mittlerweile sogar gelernt hatte zu unterdrücken, wurden nun als wünschenswert oder gar als Ziel beschrieben. Ich fühlte mich das erste Mal Teil einer Gemeinschaft und dachte, dass dort ein Raum und ein Platz für mich waren, wo ich mich doch in Gruppen bisher immer so einsam gefühlt hatte. Ich lernte in der Ausbildung eine Sprache kennen, um meine Erlebnisse anderen zu beschreiben und noch besser einzuordnen. Und das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass es cool war, ein Freak zu sein.
Und dann wurde mir zum Glück erst zum Ende der Ausbildung klar, dass ich dort nicht sitzen wollte. Ich fühlte mich in der Gruppe immer mehr und mehr fehl am Platz, obwohl ich mit jedem Menschen einzeln eine wunderbare Verbindung fühlte. Mir wurde immer mehr klar, dass ich eigentlich gar nicht in Gruppen sein wollte. Ich dachte nur immer und immer wieder, dass ich doch Teil von irgendwas sein müsste, so wie alle anderen auch. Klar, jeder ist Teil von etwas, aber mich strengen Gesellschaften schon immer unfassbar an und vor allem, wenn seltsame Gruppendynamiken entstehen, will ich einfach nur noch weg. Dass ich jede kleinste Gefühlsregung von allen Anwesenden mitbekomme, macht die Geschichte nicht leichter. Ich bin einfach eher der Typ Mensch für gute, tiefe Zwiegespräche oder auch gern für hartes Feiern meinetwegen in der Gruppe. Alles dazwischen ist für mich extrem anstrengend und ich habe immer das Gefühl, die Authentizität aller leidet extrem. Unsere Zeit auf Erden ist für mich mittlerweile aber einfach zu kostbar geworden, um sie mit etwas zu füllen, das nicht echt und authentisch ist, vor allem eben WEIL ich den Luxus einer Wahl habe. Ich habe den Luxus nicht um meine Nahrung, mein Dach über dem Kopf und meine Sicherheit kämpfen zu müssen und deswegen wäre es in meinen Augen völlig rücksichtslos, diese Zeit mit etwas zu "verschwenden", was nicht wirklich resoniert. Dieses Prinzip hat sich in den letzten Jahren so in mein Sein eingebrannt, dass ich wirklich existentielle seelische Not und körperliche Schmerzen bekommen habe, weil ich das Gefühl hatte, all meinen Grundsätzen zu widersprechen, wenn ich auch nur noch eine Sekunde länger dort sitze und in der Gruppe über Yoga rede, während meine kleine Tochter zu Hause zahnt und nach Mama schreit und ich viel lieber dort wäre. Ich bin mittags gegangen, obwohl das Seminar bis abends ging. Ich glaube, dass niemand wirklich verstehen konnte, worum es mir ging und war kurz davor, die Abschlussprüfungen einfach nicht zu machen. Ich empfand es als vollkommen sinnfrei, mich in etwas prüfen zu lassen, was eigentlich nur gelebt werden wollte. Ich wollte nicht mehr über Yoga reden, ich wollte Yoga in jeder Sekunde LEBEN und SEIN.
Nachdem alle sehr liebevoll auf mich eingeredet hatten, habe ich die Prüfungen doch gemacht und es hat sich letztendlich sogar ganz gut angefühlt, die Sache abzuschließen, um jetzt wieder meinen eigenen Weg zu gehen.
Ich bin mit der Intention in die Ausbildung gegangen, Yoga zu unterrichten und ganz viel Neues zu lernen und noch mehr Wissen zu erlangen. Am Ende, habe ich zwar viel gelernt und Wissen vertieft, aber die große Erkenntnis war eigentlich, dass ich mich gar nicht Teil fühlen muss und irgendeine Gruppe brauche, weil ich einfach am besten Teil des Ganzen bin, wenn ich in allem was ich tue diese Liebe bin von der immer geredet wird. Das heißt ausschließlich Dinge tue, die ich wirklich LIEBE. Und ihr werdet lachen, aber da gehören bei mir alle alltäglichen Aufgaben wie waschen, putzen, kochen, essen, duschen, Ehefrau und Mama sein ect. mit dazu. Aber eben auch Musik machen, Singen, Musik schreiben, Unterrichen und Coachen, Asana-Praxis und Meditation und so vieles mehr. Und der Tag hat leider nur 24 Stunden und am allerliebsten schlafe ich, was den Tag natürlich noch kürzer und die Zeit noch kostbarer macht.
Es hat mich ins Mark erschüttert, dass ich so viele viele Jahre immer nach irgendwas gesucht habe und mich die ganze Zeit immer weiter und weiter entwickeln wollte und dann stehe ich da und checke, dass alles immer schon da war und ich einfach überhaupt nichts tun muss, außer die Liebe im Jetzt zu leben. Ohne viel Nachdenken, Reflektieren, Justieren. Einfach sein, einfach leben und vor allem lieben.
Nachdem sich das alles ein paar Wochen gesetzt hat, ist es das Einfachste und Unaufgeregteste der Welt. Ruhig und irgendwie auch fast schon nicht mehr ganz der Rede wert.
Erst dachte ich, ich hätte 15 Jahre meines Lebens damit verschwendet, zu reflektieren und jede noch so dunkelste Ecke meiner Seele auszuleuchten. Wer weiß…. Der Weg ist eben immer der Weg und rückblickend hätte man immer abkürzen können. Lustiger Weise war der Alchimist von Paolo Cohelo Anfang 20 mein Lieblingsbuch. Das fand ich doppelt ironisch.
Ich bin sehr gespannt, wie viele Umwege ich die nächsten 15 Jahre so gehen werde und auf welchem Schatz ich noch so gemütlich sitze, ohne es zu wissen. Vor allem weiß ich aber ganz tief in mir, dass meine Seele mich schon leiten wird und dass alles immer genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.
In diesem Sinne….
Amen!
Von Herzen,
Marielle




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